Fußball ist ein wunderbarer Sport. Keiner im Fußballkreis Dortmund wird dies je bestreiten. Und doch kommen Mitglieder des Vorstands kaum noch um ein Aber herum. Denn die Gewalt auch auf hiesigen Sportplätzen nimmt in ihrer Erscheinungsform Ausmaße an, die nicht mehr einfach mehr „erschreckend“ zu nennen sind. Sie gefährdet mittlerweile das Leben Beteiligter.
Der Vorsitzende des Kreissportgerichts Patrick Neumann greift die Aussage des Kreisvorsitzenden Andreas Edelstein aus einem Interview von vor wenigen Jahren auf unserer Homepage auf: „Andreas hatte damals gefragt, ob erst jemand sterben müsste, damit einige zur Einsicht kommen. Mittlerweile sage ich: Wir sind kurz davor, dass wir den ersten Toten haben.“
Und Andreas Edelstein blickt sonntags um 15.30 Uhr öfter bange aufs Handy, ob da nicht jemand vielleicht ein nur Ergebnis wissen möchte, sondern ein Anrufer fragt, ob er bereits die überregionalen Online-Nachrichtseiten gelesen hätte. Bis dahin haben es die Straftaten, so sind sie definitiv zu nennen, geschafft: „Mir will es nicht in den Kopf, wie jemand mit Schraubenzieher oder Messer in der Tasche zum Sportplatz kommt. Da steckt dann doch eine klare Absicht hinter“, kommentiert Andreas Edelstein. Dem pflichtet Patrick Neumann, der ja sämtliche Fälle auf seinen Tisch kommt, uneingeschränkt bei. „Jemand, der solche Dinge mitbringt, hat diese nicht zufällig dabei und benutzt sie einfach so.“
Sowohl Andreas Edelstein mit verschiedenen Instrumenten wie einer Gewaltampel als auch Patrick Neumann mit seiner Ansprache und seinen Urteilen haben viel versucht, um ihren Teil zur Prävention und Ahndung eines Phänomens, für das der Fußball nicht ursächlich sei, beizutragen. „Corona hat die Gewaltbereitschaft vergrößert und die Hemmschwelle gesamtgesellschaftlich verringert“, führt der Sportrichter an. Der Kreisvorsitzende sagt: „Ich finde es hochgradig unanständig, den Fußball als Ventil für eigene Aggressionen zu nehmen und damit vielen Anständigen die Motivation nehmen, sich für den Sport zu begeistern. Dass da Menschenleben in Gefahr sind, erschüttert mich dabei nur noch.“
Was also tun? „Die Frage ist, was wir als Fußballer überhaupt gegen eine gesellschaftliche Entwicklung von Verrohung bestimmter Menschen überhaupt tun können“, antwortet Andreas Edelstein mit einer Gegenfrage. Einen Weg, den Vereine einschlagen könnten, wäre, nur noch Spieler mit einer Identifikation mit dem Klub auflaufen zu lassen. „Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich Vereine neu gründen. Nur suchen sich einschlägig bekannte Spieler oft solche Klubs, die sie kaum kennen, um ihre Gewaltphantasien auszuleben. Oft nehmen aber auch etablierte Vereine einfach komplette Mannschaften auf, ohne ihre Vergangenheit zu kennen. Zweite Chance ja, aber doch nicht, wenn ich nicht garantieren kann, dass einer sie nutzt. Ich kenne ihn ja nicht. Die Verantwortung der Vereine liegt nicht daran, sich heroisch in einen Messerangriff zu werfen. Dann haben sie ohnehin keinen Einfluss auf die Täter mehr. Aber sie können und müssen sich genau ansehen, wer da einen Aufnahmeantrag einreicht.“
Patrick Neumann sieht in seinem Bereich nur noch abschreckende Strafen als machbar ein, um so Gewalttäter lange vom Fußball auszuschließen. „In mir schlagen zwei Herzen. Das eine, das nur noch fassungslos ist, zu was Menschen fähig sind. Das andere sagt natürlich: Ich muss mit einer gewissen Distanz recht sprechen und fair handeln.“ Daher denkt er auch, dass sie es sich diejenigen
einfach machen, die einfach nur noch Höchststrafen fordern und damit glauben, ihren Beitrag geleistet zu haben. „Das Schlimme ist: Anders funktioniert es in den aktuellen Fällen ja nun wirklich nicht“, folgert aber Patrick Neumann.
Und doch kommen von Andreas Edelstein und Patrick Neumann ein paar Worte der Hoffnung: „Wir haben ja immer noch so viele Spiele in Altersklassen, die vorbildlich laufen, so viele Vereine, die alles dafür tun, dass da faire Sportsleute heranwachsen.“
Damit treffen sie auch die Herangehensweise von Markus Schanz, den Vorsitzenden des Kreis-Schiedsrichter-Ausschusses. Gerade die Unparteiischen sind ja oft mitten in der Gefahrenlage: „Wir erklären unseren jungen Leuten, dass es sich noch immer lohnt, Schiedsrichter in diesem schönen Sport zu werden. Wenn sie Zweifel haben, belegen wir ihnen anhand von Statistiken, dass dies wirklich noch immer ganz schlimme Ausnahmefälle sind. Wir schulen sie und ermutigen sie, sich immer zunächst selbst zu schützen. Aber so weit, dass ich unseren Leuten abraten muss, Spiele zu pfeifen, bin ich noch nicht. Wenn, dann würde ich das aber unbedingt tun.“
Und letztendlich sind sowohl Andreas Edelstein, Patrick Neumann als auch Markus Schanz an Sonntagabenden froh, wenn der Fußball ein paar Tage lang einfach mal wieder nur dieser wunderbare Sport war.
[Alex Nähle]
