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Timo Gansloweit gehört ab sofort zum Kader der 2. Bundesliga.
Dortmunds Nummer eins kommt vom SC Husen-Kurl. Wovon viele Mannschaften träumen, das hat Timo Gansloweit (29) im Alleingang geschafft. Dass der erfolgreichste Schiedsrichter unserer Stadt aber lieber immer gerne im Gespann pfeifen wollte, erklärt er im Interview. Nach überstandener Verletzung pfeift Timo Gansloweit regelmäßig in der 2. Bundesliga.
Timo, war es immer dein Traum, mal vor Riesenkulissen zu pfeifen?
Im Sinne eines Kindheitstraums nicht. Als ich aber relativ schnell die Ligen hochkletterte, reifte in mir der Wunsch, irgendwann auch Profispiele leiten zu dürfen.
Darf es denn auch die Bundesliga werden?
Da ich es in jungen Jahren doch sehr schnell nach oben geschafft habe, ist die Bundesliga in der Tat jetzt doch das Ziel. Mit 16 Jahren, als ich anfing, hätte ich nie davon gesprochen, aber jetzt sehe ich es sportlich und möchte das Maximum, selbst wenn ich die 2. Bundesliga mit ihrer Atmosphäre, ihrer Klasse und ihrem Tempo auch genieße.
Du genießt?
Ja, sonst wäre ich doch kein Schiedsrichter. Mir macht das Riesenspaß. Dazu kommt die schöne Anspannung, die natürlich in einem Stadion mit 40.000 Zuschauern noch mal größer ist. Aber ich bin, wenn ich mit auflaufe, schon in meinem Tunnel. Dann registriere ich nicht mal, ob mir jetzt eventuell ein bekannter Profi oder ein Amateurfußballer gegenübersteht.
Welche Kulisse war bislang deine größte?
Das müssten rund 45.000 beim Zweitliga-Spiel Hertha BSC gegen Darmstadt 98 im April vergangenen Jahres gewesen sein.
Ich habe es nachgesehen, es waren sogar 46.763. Wie ist es für jemanden, der 13 Jahre zuvor noch kleine Kinder gepfiffen hatte?
Ich bin mir dessen schon bewusst, was solche Spiele bedeuten und wer mir so alles zusieht. Ich empfinde dann eher Stolz, dass ich an Spielen mit tollen Atmosphären teilnehmen darf. Aberwährend des Spiels blende ich das aus. Ich bin im Laufe der Zeit auch gereift.
Dann gehen wir den Reifeprozess doch mal zusammen durch. Was hat dich überhaupt bewogen, Schiedsrichter zu werden?
Mein Opa hatte mir das nahegelegt, da er von meinem Fußballspiel im Husen-Kurl-Trikot wohl eher weniger angetan war. Er meinte, als Schiedsrichter könnte ich mehr erreichen. Und er hatte recht. Mein erstes Spiel war ein Kreispokalduell von E-Junioren in Hörde. Ein Elternteil sagte mir, ich sollte besser was anderes machen. Gut, dass ich auf meinen Opa gehört habe (lacht).
Und dann ging es steil bergauf?
Ja, aber noch mal: Vom Profisport hatte ich da noch nicht geträumt. Mein Ziel war es immer, im Gespann pfeifen zu dürfen. Denn wenn ich Unterstützung habe, bekomme ich einen viel besseren Zugriff auf das Spiel in allen Bereichen. Und das ging in der Regel erst in der Landesliga.
Wie läuft denn die Qualifikation in höhere Ligen?
Die Meldungen der besten Schiedsrichter für die Bezirksliga kommen aus den Kreisen. Ab dann spielt auch der Verband mit seinen Beobachtern mit rein. In der Regionalliga sind bei jedem Spiel Beobachter. Nach einem Jahr pro Liga habe ich in der Regionalliga drei Jahre lang gepfiffen. Dass ich dann einen Mittelfußbruch hatte, hat meinen Start in die 2. Liga stark beeinträchtigt. So richtig regelmäßig bin ich erst seit vergangenem Sommer dabei.
Hast du immer dein Gespann? Oder variiert das auch mal?
Ich habe immer mein Gespann. Felix Weller aus Siegen und Tobias Severins aus Gütersloh. Wir haben uns schnell eingespielt.
Hast du dich auf dem Weg nach oben ändern müssen?
Ich denke, jeder Schiedsrichter lebt von seiner Persönlichkeit. Ich habe mich als Mensch sicher nicht grundlegend verändert, bin aber deutlich gereift. Und das ist auch ganz wichtig und wertvoll.
Mit jeder Liga steigt auch das Tempo. Wie schafft ihr Schiedsrichter es, trotz fehlenden Mannschaftstrainings auf Ballhöhe zu sein?
Das Mannschaftstraining vermisse ich durchaus. Den Teamgedanken habe ich als Kind und Jugendlicher in Husen-Kurl sehr gerne gelebt. Aber wir Schiedsrichter in Dortmund sind auch eine coole Mannschaft, gar nicht so unnahbar und anders, wie es klischeehaft oft heißt. Wer mit uns nach den Spielen quatscht, merkt schnell, dass auch wir einfach den Fußball lieben und dabei eine Menge Spaß verstehen. Aber zur Fitness: Vom DFB-Athletiktrainer bekommen wir Trainingspläne. Ich laufe viel, arbeite eng mit B2B-Performance zusammen. Aber das Training für uns Schiedsrichter ist individuell und wichtig, denn zehn bis zwölf Kilometer laufe ich im Spiel auch.
Bekommst du Beruf und Pfeifen unter einen Hut?
Ja, ich bin Polizist und mittlerweile Ausbilder in Selm. Das passt dann zeitlich meistens. Und ich denke, dass ich aus dem Beruf einiges für die Schiedsrichterei mitnehmen kann. Aber auch umgekehrt. So unähnlich sind die Aufgaben ja gar nicht.
Was macht dir denn wirklich an der gesamten Geschichte großen Spaß?
Natürlich ist es die Liebe zum Fußball und Teil des Ganzen sein zu dürfen. Ich treffe ständig Entscheidungen. Das liegt mir und macht mir auch Spaß. Als Polizist muss ich auch sehr schnell entscheiden, daher passt das so gut zusammen. Und es entwickelt eben auch meine Persönlichkeit weiter. Ich weiß, dass Fehler, sei es der Spieler oder der Schiedsrichter, zum Spiel gehören. Wer macht schon gerne etwas falsch? Aber auch hier ordne ich die Kritik ein und nehme sie nicht persönlich. Ich sehe das positiv: Fehler machen mich auch wieder ein Stück weit reifer.
Du sagst, du nimmst es nicht persönlich. Prallen eventuelle Beleidigungen an dir ab?
In der Regel ja. Wenn es wirklich unter die Gürtellinie geht, und dann nicht aus dem Fanblock, sondern von Beteiligten, muss ich das nicht haben. Aber Dinge in den anonymen sozialen Netzwerken sehe ich gar nicht. Und wenn es mir einer zuträgt, sehe ich da keine konkrete Gefahr für mich. Aber da habe ich bislang zum Glück auch noch nichts Gravierendes erlebt.
Fühlst du dich als junger Schiedsrichter auch von gestandenen Profis ernstgenommen?
Ja, letztendlich sind wir alle auf dem Platz in unserer Rolle. Da hat auch keiner etwas davon, wenn er mich abwertend behandelt. Letztendlich ist Fußball eben Fußball, ob in der Kreisliga oder der Bundesliga. Wenn es keinen Spaß machen würde, wären wir nicht da.
Die Klassiker-Frage nach dem denkwürdigsten Spiel soll dieses aufschlussreiche Interview beschließen.. Gibt es da eins?
Ja, wenn dann nehme ich mein Zweitligadebüt. Es war zugleich der erste Einsatz nach meiner sechsmonatigen Verletzung. SSV Ulm und SV Elversberg trennten sich 0:0. Und der kicker hat mir eine ordentliche Leistung bescheinigt.
[Alex Nähle]