Am Samstag wird bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid (25./26. Juli) der Titel über 100 Meter der Frauen vergeben. Zu den Favoritinnen zählen Rebekka Haase, Chelsea Kadiri (beide Sprintteam Wetzlar), Emma Goretzka (LAC Berlin) und die frühere Dortmunderin Gina Lückenkemper (SCC Berlin). Der Kampf um die Sprintkrone findet exakt 50 Jahre nach jenem legendären Olympia-Finale von Montreal statt, in dem Annegret Richter am 25. Juli 1976 nach ihrem Staffel-Gold von München (1972) zu ihrer zweiten Olympischen Goldmedaille stürmte. Da werden in Wattenscheid nicht nur bei ihr Erinnerungen aufkommen.
Die frühere Sprint-Königin, die seit 2016 Ehrenmitglied des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen (FLVW) ist, hat den Kontakt zur Leichtathletik nie verloren. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Manfred Richter wird sie daher am Samstag im Lohrheidestadion auf der Ehrentribüne sitzen und das spannende 100-Meter-Finale der Frauen verfolgen.Ein historischer Moment in Montreal
Die damals 25-jährige Sprinterin des OSC Dortmund schrieb bei den Olympischen Spielen in Montreal Sportgeschichte, als sie in 11,08 Sekunden vor Renate Stecher (DDR/11,13 Sek.) und ihrer Vereinskollegin Inge Helten (11,17 Sek.) Olympiasiegerin wurde. Bereits im Halbfinale hatte die Dortmunderin mit einer Weltrekordzeit von 11,01 Sekunden für einen Paukenschlag gesorgt. Deutlich in Führung liegend, ließ sie auf den letzten Metern austrudeln – sonst hätte sie die magische Elf-Sekunden-Marke wahrscheinlich unterboten. Das Finale in Montreal war nach dem Ausfall der Zeitmessanlage im ersten Versuch und drei Fehlstarts an Dramatik kaum zu überbieten.„Man hat uns beim ersten Versuch sehr spät zurückgeschossen. Ich hatte einen Traumstart erwischt und wäre sicher unter elf Sekunden geblieben“, erinnert sich Annegret Richter. Obwohl die Dortmunderin im Ziel einen Vorsprung von fünf Hundertstelsekunden hatte, war sie sich im ersten Augenblick ihres Sieges nicht hundertprozentig sicher. Erst der Blick auf die Videowand, die in Montreal erstmals eingesetzt wurde, beseitigte alle Zweifel und machte ihr sportliches Glück perfekt.

Der frühere Vorsitzende des OSC Dortmund, Walter Doedter, gratuliert Annegret Richter zu ihrem olympischen Staffel-Gold. [Foto: privat]
Eine Karriere voller Höhepunkte
Der Olympiasieg bedeutet Annegret Richter bis heute enorm viel: „Die Goldmedaille habe ich für immer, im Gegensatz zu einem Weltrekord, der vergänglich ist.“ Bis zur Wiedervereinigung war die pfeilschnelle Dortmunderin mit ihren vier olympischen Plaketten (zweimal Gold, zweimal Silber) die erfolgreichste deutsche Leichtathletin aller Zeiten.National gewann die gebürtige Brechtenerin 28 Meistertitel. Zwischen 1970 und 1980 gelang ihr fünfmal das begehrte Triple, bestehend aus Siegen über 100 Meter, 200 Meter und 4 x 100 Meter. Für ihre Erfolge erhielt sie zahlreiche hochkarätige Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, den Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis, das Silberne Lorbeerblatt und den Landesverdienstorden NRW.
Familie und Freundschaften als Lebensanker
Heute steht für Annegret Richter vor allem die Familie im Vordergrund. Besonders stolz ist sie auf ihre beiden Kinder Daniela und Marcus sowie auf ihre Enkel im Alter von sieben und vier Jahren, mit denen sie und ihr Ehemann Manfred Richter sehr viel unternehmen. Eine große Bedeutung haben für Annegret Richter auch die Freundschaften aus ihrer aktiven Zeit. So trifft sie sich oft mit ihren früheren Staffel-Kolleginnen Inge Helten und Elvira Possekel sowie mit 800-Meter-Olympiasiegerin Hildegard Falk und der früheren Olympia-Zweiten über 400 Meter, Rita Wilden.
50 Jahre nach dem Gewinn der Goldmedaille in der 4 x 100-Meter-Staffel bei den Europameisterschaften in Helsinki trafen sich 2021 in Mainz Ingrid Mickler-Becker, Annegret Richter, Inge Helten und Elfgard Schittenhelm (von links nach rechts). [Foto: privat]
Sport als Brückenbauer
Eine besondere Verbindung pflegt sie zu Renate Stecher, der früheren DDR-Sprinterin und Olympiasiegerin von 1972. Diese Freundschaft gehört zu den schönsten Geschichten der Leichtathletik. Ihre Blicke kreuzten sich erstmals 1970 bei der Hallen-EM in Wien. „Renate, die damals den 60-Meter-Titel gewann, war für mich Konkurrentin und Vorbild zugleich. Trotz der politischen Spannungen war sofort eine Sympathie zwischen uns vorhanden – aber wir wussten, dass ein offenes Gespräch zu Zeiten des kalten Krieges vor allem für Renate schwierig gewesen wäre“, beschreibt Annegret Richter die damaligen Probleme zwischen Ost und West. Erst nach der Wiedervereinigung konnten beide frei miteinander umgehen. Sie besuchten sich gegenseitig in Dortmund oder Jena und waren oft gemeinsam bei deutschen Meisterschaften. Erst vor zwei Wochen war Renate Stecher wieder bei Annegret Richter in Dortmund zu Gast.
Die inzwischen lange Freundschaft der beiden Weltklasse-Sprinterinnen zeigt eindrucksvoll, dass der Sport selbst in politisch schwierigen Zeiten Brücken bauen kann – Brücken, die ewig Bestand haben.
[Peter Middel]